Marion

Bonaire, September 2016
Teil 4.

Und wieder diese sehr fremdartig anmutenden, doch beruhigenden Vogelstimmen um uns herum. Wir sind in unserem Ferienhaus angekommen, und doch fühlt es sich ein bisschen an wie mitten im Dschungel. „Hier gibt es auch Skorpione.“ Sagt Stefan mit gewichtigem Gesicht. „Doch es ist die harmlose Variante. Wenn man gestochen wird, dann einfach Zwiebelringe drauf legen.“

Wir sitzen draußen am Gartentisch. Es ist hier alles sehr karibisch, sehr exotisch. Die verblassenden, bunten Farben, die knallweißen Muscheln, die hier in der Anlage die Gartenwege zieren. Der Geschirrtuchhalter ist eine Koralle, und auf dem Frühstückstisch liegt als Begrüßungsgeschenk ein kleines Päckchen: Das Salz aus den Salinen von Bonaire.

Eine schwarzweiße, plüschige Katze wandelt im Garten umher. Ich fotografiere sie, doch das ist ihr herzlich egal; ungerührt lässt sie sich auf einer Palme nieder und lässt ihren langen Puschelschwanz hinunter hängen.

Exotische Blumen, das Geräusch des Ventilators. Eine kleine Eidechse flitzt den Gehweg entlang, hält kurz inne, fühlt sich unbeobachtet, schießt gleich darauf den Stamm einer Palme empor nach oben.

„Die Eingangstür macht ihr abends besser zu.“ Sagt uns der Taxifahrer, nachdem er uns die Wohnung gezeigt hat. „Wegen der Moskitos.“ In den Räumen staut sich die Luft. Vor den Fenstern sind Fliegengitter angebracht und über dem Bett hängt ein Moskitonetz.

Das Haus selbst ist geräumig und sehr liebevoll eingerichtet, mit vielen hübschen Details und einigem Komfort wie einem Schaukelstuhl und einer Hängematte auf der Terrasse. Die Terrasse geht ums ganze Haus herum und ist wie ein Garten angelegt, und eben dieser Garten mutet wie ein Dschungel an; mit viel Geraschel und geheimnisvollen Tönen. Das Haus gehört mehreren Parteien und so sind auch die Wohnungen aufgeteilt; draußen jedoch kann man sich frei bewegen.

Der Flughafen auf Bonaire ist sehr klein, rosa getüncht und trägt den passenden Namen: Flamingo Airport. Dort hatte das Taxi im Auftrag der Vermieterin auf uns gewartet, um uns zu unserem Domizil zu bringen.

Und nun sitze ich hier, inmitten von fremdartigen Lauten und Gewusel, und spüre, wie sehr mich das beruhigt. Und wieder stellt sich dieses karibische die-Zeit-einfach-Zeit-sein-lassen-Gefühl ein. Wie auf Aruba streift auch hier ein leichter Wind die Blätter, so dass alles rauscht und die Kühle der erhitzten Haut eine unglaubliche Linderung bringt. Alles kann, nix muss – an einem Ort wie diesem.

Später sitzen wir nochmal beide draußen und beobachten den Mond, der groß und rund hinter grauen Wolken hervorkommt, beide jeweils ein Glas von dem Likör-Punch in der Hand. Zehn nach zwanzig Uhr Ortszeit, und es umhüllt uns schon tiefste Nacht. Entspanntes Rascheln der Blätter; der Likör schmeckt sahnig und unglaublich samtig, wie ein überaus zarter Schaum fließt er die Kehle hinunter. Auf unseren Lippen bleibt ein süßes, lecker-klebriges Gefühl.

Gediegen eine Zigarre in der Karibik rauchen. Tiefenentspannt. Dieses Gefühl habe ich oft in Deutschland vergebens gesucht. Obwohl es schon später Abend ist; Mücken zeigen sich immer noch keine. Bislang auch keine Skorpione, die Hallo sagen wollten.

Ich freue mich auf die Insel. Eigentlich könnte man ja versuchen, draußen zu schlafen, vielleicht wird es ja gar keine Mücken geben? Die Hängematte schaukelt so einladend vor sich hin…

„Schatz, ich könnte hier leben und den Rost von alten Autos kratzen.“ Sage ich. „Vielleicht gibt es dafür Kost und Logis und das würde mir reichen. Und du könntest die Autos dann probefahren, wenn du mitkommst.“ Stefan lacht, streichelt meinen Kopf.

Marion  

Sonnenaufgang. Ich bin hellwach, und es ist erst halb sieben. Es lebe die Zeitverschiebung!

Um mich herum – Urwaldgeräusche. Ja, denn anders kann ich dieses Konzert nicht beschreiben. Es ist kein Zwitschern, es ist ein Heulen, langgezogen und klagend. Geschichten über Afrika werden wach.

Stefan ist kurz aufgestanden, doch inzwischen wieder zurück ins Bett. Und ich mache das, was ich sonst immer tue, wenn mein Reisepartner schläft – ich lackiere mir die Nägel.

Zwei Meisen (sind es welche?) flattern kämpfend an mir vorbei und verschwinden hinter der Mauer. Stefan ist wieder aufgestanden. Und meine Nägel schon fast trocken. Ich liege unter zwei Kokosnusspalmen und muss an seinen Spruch mit den fallenden Kokossnüssen denken.

Morgens, halb zehn in der Karibik. Ich werfe einen Blick in den Kühlschrank. Um elf holen wir unseren Mietwagen ab, aber da der Teufel mein Gesicht trägt, frage ich Stefan, lasziv im Türrahmen lehnend: „Schaaatz… Magst du auch ein Gläschen Creme-Likör trinken?“

Er wirft einen Blick auf die Uhr, die er nicht an hat. „J-ja.“

Gegen elf kommt dann der Geländewagen an. Das Mädchen am Steuer bringt uns zum Vermittlungsbüro, wo wir den Papierkram abwickeln.

„Wir möchten die Option eines Zusatzfahrers ins Auge fassen.“ Sagte ich im einwandfreien Englisch 😉 (We will get a secand driver…)

„Klar, kein Problem.“ Sagte sie. „Das haben Sie sowieso mit inklusive.“ Ich stutze; auch Stefans Blick flackert kurz irritiert auf. Normalerweise kostet ein Zusatzfahrer fünf Dollar die Woche. Jetzt haben wir anscheinend gar nichts dafür bezahlt…

„Wir haben, wie es aussieht, einen größeren Wagen bekommen als geplant.“ Klärte Stefan mich dann auf, kaum dass wir das Büro verließen. „Mit einer Doppelkabine. Wir hatten eine Nummer kleiner gebucht… Deshalb dachte ich mir; ich halte mal meinen Mund und lasse mir das gefallen…“ Eine weise Entscheidung.

Nachdem die Frage des Zusatzfahrers geklärt war, nahm ich wie selbstverständlich den Autoschlüssel in die Hand und auf der Fahrerseite Platz.

Doch zunächst gingen wir einkaufen; nur um dann im Supermarkt vor Ort unser karibisches Creme-Likör in drei verschiedenen Geschmacksrichtungen zu entdecken.

Eine Fünfkilo-Tüte mit tiefgefrorenen Meeresfrüchten gab es zum Preis von ca. 10 Dollar. Also googelte Stefan gleich mal leckere Meeresfrüchte-Gerichte…

Wir hatten keine Einkaufstasche dabei und die leise Befürchtung, beim Bezahlen mit Plastiktüten übersät zu werden, doch das geschah nicht. An der Kasse hingen zwar unauffällig Plastiktaschen in der Ecke, doch im Gegensatz zu Aruba wurden wir damit nicht überworfen. Wir nahmen unsere Einkäufe in die Hand und trugen sie zum Auto.

Das Auto fuhr sich gut trotz seiner ungewohnten Größe. Die Federung war zwar etwas holprig und Stefan hatte Schweißausbrüche; ob das nun der Hitze geschuldet war oder meiner Fahrweise, vermag ich nicht zu sagen 🙂 .

Doch zunächst starteten wir unserer Vermieterin Marion einen Besuch ab. Sie war so nett, für uns schon mal im Vorfeld ein paar Kleinigkeiten zu Essen einzukaufen für den Abend unserer Ankunft, und so bezahlten wir nun unsere ausstehende Rechnung.

„Und du, wie bist du denn hier gelandet?“ Fragte Stefan, denn das war etwas, was ihn schon zur Anfang brennend interessiert hatte.

Marion kam ursprünglich aus Berlin. Zunächst, zwanzig Jahre war es nun schon her, kam sie mit einer Freundin nach Aruba. Sie machten damals vier Wochen Urlaub dort. Doch die Insel hatte die beiden nicht so umgehauen. Überlaufen, sehr amerikanisiert… Aus einer Neugierde heraus ergab es sich damals, dass sie einen Abstecher nach Bonaire machten. „Schau mal, hier gibt es mehr Flamingos als Menschen… und die wunderschönen Schnorchel- und Tauchgebiete direkt vor der Tür…“

Marion ist geblieben. Kurze Zeit später hatte sie ihre Wohnung in Berlin untervermietet und kam mit zwei Koffern auf die Insel. Entweder es ergibt sich etwas, dachte sie, oder eben nicht… und wenn nicht, kann sie immer noch zurück. Doch dann lernte sie ihren jetzigen Mann kennen. Und sie blieb.

Ich lauschte und streichelte die beiden kleinen Hunde, die es sich zu meinen Füßen gemütlich gemacht hatte.

„Früher war Bonaire sehr international.“ Erzählte sie weiter. „Man hatte sich getroffen, gemeinsam Partys gefeiert. Doch nach der Volksabstimmung 2010 kamen sehr viele Holländer hierher. Das hatte den Charakter der Insel verändert. Holländer sind sehr geizig.“

„Ja?“ Entfuhr es mir. Der Hund zu meinem rechten Fuß hob die Ohren.

„Ja, leider ist es so. Sie haben so ein paar Eigenheiten… Ich habe lange versucht, es zu verstehen.“

Hier alle Folgen der Aruba-Reise in Übersicht:

Teil 1 – Gebucht! …mit ganz vielen Smileys 🙂
Teil 2 – Der Flug nach Bonaire
Teil 3 – Jetzt wirklich – der Flug nach Bonaire 😉
Teil 4 – Marion
Teil 5 – „Esel kreuzt…“
Teil 6 – Lac Bay
Teil 7 – Der Mangrovenwald
Teil 8 – Der Himmel über Bonaire
Teil 9 – Auf karibisch genießen…
Teil 10 – Kralendijk – die Jagd auf die Senioren
Teil 11 – Der Mann mit dem Messer
Teil 12 – Am Turtle Nesting Beach
Teil 13 – Wild, wild donkey…
Teil 14 – Der Zauber von Bonaire
Teil 15 – Gelbe Sklavenhütten
Teil 16 – Indians of the caribic
Teil 17 – Der Nordosten der Insel
Teil 18 – Die Echsen haben Hunger
Teil 19 – Rincon
Teil 20 – Im Reich der Arielle
Teil 21 – 1000 Steps
Teil 22 – Schnorcheln am Turtle Nesting Beach
Teil 23 – Danke für nichts, Aruba!
Teil 24 – Bonaire, ich vermisse dich…
Teil 25 – Bonaire, ein Blick auf die Insel

Veröffentlicht von

kasia

Hi, ich bin Kasia, die Stimme von "windrose.rocks" :-) Ich nehme Euch mit auf meine Reisen, lasse Euch hautnah alle Augenblicke miterleben; Augenblicke des Glücks und des Zweifels, freudige, lustige, mal traurige, und ja... auch mal peinliche Momente. Dies ist für alle, die genauso neugierig sind wie ich, diejenigen, die sich inspirieren lassen wollen oder einfach nur (Reise)Erfahrungen mitnehmen und austauschen möchten. Folgt mir und lasst Euch verzaubern... "Ich mag an dir dieses... rastlose Umherschwirren" (Zitat von Stefan)

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