Alleine verreisen – ja oder nein?

Alleine verreisen – ja oder nein?

„Ich könnte nie alleine irgendwo unterwegs sein.“ Hatten mir schon oft Bekannte und Freunde (-innen) gesagt. „Da würde ich mich ja langweilen…“ kam auch das Argument ein paar Mal.

Es sind vor allem Frauen, die diese Art Bedenken äußern. Ich hatte derartiges noch nie von einem Mann gehört.

Doch das dafür ist einfach: Wenn es Orte gibt, die du unbedingt gesehen haben willst – und niemand außer dir kann/möchte mitkommen – verzichtest du dann ganz darauf, diese Plätze zu besuchen? Diese Momente zu erleben? Machst du das wirklich von anderen Menschen abhängig?

Wir sind alle, ziemlich oft sogar, „irgendwo alleine unterwegs“, sei es auf dem Weg zur Arbeit, sei es, wenn wir am Nachmittag in die uns vertraute Fußgängerzone shoppen gehen – niemand hält uns an der Hand.

Es ist nicht mehr ganz so schwer, wenn man den Gedanken ablegt, man sei ganz alleine in einer fremden Umgebung. Denn wir sind eigentlich dafür geschaffen, uns zurecht zu finden. Und nur unser Kopf, die Vorstellung, wir kennen das Drumherum nicht, lähmt uns. Wir stellen uns vor, jeder würde uns an der Nasenspitze ansehen, wie unwohl wir uns fühlen. Doch dem ist nicht so.

Wir können alle mit uns selbst unterwegs, mit uns selber zufrieden sein, sich selbst genügen, in so vielen Alltagssituationen. Wir beweisen das oft genug, jeden Tag. Nun übertrage das auf einen dir weniger bekannten Ort…

Der Vorteil des Alleine-Verreisens ist; du nimmst alle Eindrücke viel intensiver in dich auf, du speicherst alles viel detaillierter, viel genauer ab, weil dich nichts und niemand ablenkt. Du bist selber verantwortlich – hast aber auch jede Menge Freiheit. Niemand sagt dir, wohin, du musst dich nicht absprechen und nicht einigen, du gehorchst nur deinem eigenen Kopf und deiner inneren Uhr. Und schließlich… passiert dir mal etwas peinliches, brauchst du es niemandem zu erzählen 😉

Der Nachteil; du kannst deine Eindrücke mit niemandem Teilen. Sie gehören nur dir – ob man das nun mag oder nicht. Ich mag das sehr. Wie oft juckt es mich in den Fingern, eine Aussicht, die ich gerade sehe, eine Beobachtung oder ein Gefühl mit jemandem zu teilen; dann schnappe ich mir mein Handy und schicke meinem Freund eine Whats App. Manchmal bekommt er, wenn ich unterwegs bin, mehrere solche Nachrichten am Tag. In Zeiten der unbegrenzten Internetverknüpfung mit der Welt sind wir nie so richtig alleine.

Es ist nicht selbstverständlich, sich alleine als Frau in der Welt zu bewegen. Auch ich musste das erst lernen. Ein großes Vorbild in dieser Hinsicht war für mich mein Freund. Er war es, der mich inspiriert hatte, ohne es zu ahnen, derjenige, an dem ich mich orientiert habe und er hat mich auch diesbezüglich geprägt.

Ich wollte mir schon immer die Welt ansehen, einige ausgewählte Orte besuchen, doch auch wenn manche davon nicht wirklich weit weg lagen, schreckte ich immer wieder davor zurück, den ersten Schritt zu machen und legte die Verantwortung in die Hände anderer ab. Im Grunde hatte es damals, 2013, mit Fulda begonnen. Auf einem Zwischenstopp während einer Busfahrt nach Polen schlenderte ich abends durch das weihnachtlich erleuchtete Fulda und bewunderte die Atmosphäre der barocken Stadt. Sehr weit bin ich nicht gekommen, da die Fahrt eine halbe Stunde später schon weiter ging, aber die undeutliche Idee in meinem Kopf war geboren. Während der Weiterfahrt schrieb ich Stefan vom Bus aus eine Nachricht, dass ich mir über Silvester die Stadt ansehen will.

Stefan kannte ich damals noch nicht lange; er machte seinerseits über Neujahr Urlaub in der Schweiz.

Ich bereitete meinen „Ausbruch“ gar nicht vor, alles ging recht spontan, und ich hatte bis kurz vorher nicht gewusst, ob ich wirklich fahren werde. Zurück aus Polen buchte ich am Tag vor Neujahr, dem 31 Dezember, von der Arbeitsstelle aus das Hotelzimmer, welches sich direkt in der Altstadt von Fulda befand (Altstadt-Hotel) und fuhr am Abend mit dem Auto los.

Ich war in etwa drei Stunden unterwegs. Schon in der Stadt angekommen kreiste ich noch eine ganze Weile um die Altstadt herum, weil ich das Hotel nicht auf Anhieb gefunden hatte. Stefan stellt sich bestimmt nicht so blöde an, dachte ich frustriert.

Auch der spätere Aufenthalt im hoteleigenen Restaurant kostete mich zunächst einige Überwindung. Ich hatte riesigen Hunger, doch alle Geschäfte in der Stadt hatten geschlossen. Selbst der Mc Donalds, der ja sonst immer offen hat, hatte am Silvesterabend zu. Ich ging zurück ins Hotel, setzte mich ins Restaurant an einen freien Tisch und bestellte Wein und ein saftiges Steak mit Knoblauch-Panade. Ich war ja alleine da (noch so ein Vorteil 😉 ). Mein Leitgedanke war der an Stefan, wie er, ohne all die Bedenken im Kopf, die mich die ganze Zeit plagten, im Lokal saß, sich sein Essen schmecken ließ und vermutlich auch noch am Wein oder wahlweise am Cappuccino herummängelte. Würde er sich denn Gedanken über andere Menschen machen? Wohl nicht.

Später, kurz vor zwölf, saß ich oben auf dem Balkon meines Zimmers und bewunderte das Feuerwerk über der Altstadt, mit einer dicken Zigarre in meiner Hand.

Dieses Gefühl, es alleine geschafft zu haben, war unglaublich. Und es hielt noch lange an, nachdem ich wieder zurück in Mannheim war. Seitdem war ich schon oft alleine in großen und kleinen Städten unterwegs, doch jedesmal, wenn ich „Fulda“ irgendwo lese, sei es am Bahnsteig auf den Zug wartend oder an einer Autobahnabfahrt, lächle ich leise und tief in mich hinein.

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