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Citadelle de Bitche

 Motorradtour nach Frankreich
Grande East, Mai 2016

Müde schleppe ich mich durch den Flur hinein ins Wohnzimmer, wo Stefan schon im Sessel sitzt und raucht, streife den Rucksack ab und lasse mich noch in Motorradstiefeln auf die Couch fallen. Was sind wir beide erledigt. Im Halbdunkel höre ich noch, wie der Fernseher angeht, dann fallen meine Augen zu.

Am Tag davor:

Es ist Mittwochabend, der 4 Mai, der Tag vor dem Feiertag. Wir sitzen beide auf Stefans besagter Couch, im Fernsehen läuft eine englische Serie über ein Mädchen, dass sich entschließt, zum Militär zu gehen.

„Was machen wir morgen?“ Stefans Stimme reißt mich aus meinen Überlegungen heraus. „Wie?“
„Na, morgen ist doch Feiertag. Wollen wir wegfahren?“
„Jaaa…“ Im Hintergrund versucht das Mädchen gerade, ihrem albanischen Freund zu erklären, dass sie weder das Militär verlassen noch ihn heiraten würde. Von so viel Frauenpower ermutigt sage ich möglichst cool: „Na komm schon, schlage etwas vor, das mich reizt.“

Ein ratloses Gesicht schaut mir entgegen. Dann: „Wir können nach Franken, in dieses Hotel, wo ich schon mal war…“
„Nein… reizt mich gar nicht. Aber wir könnten ja nach Frankreich fahren…?“
„Ähm…“ Ähm? Die Pause, die darauf folgt, gefällt mir nicht so wirklich. „Was ist denn an der Idee auszusetzen?“
„Da brauchen wir Warnwesten.“
„Und? Hast du keine?“
„Ja doch, aber die muss ich erst suchen, die liegt irgendwo im Auto…“ Herrje. Unbeeindruckt bearbeite ich weiter mein Handy. „Dann fahren wir morgen früher los und schauen, wo sie ist.“ Schweigen. Dann ein Seufzer. „Okay.“ Geschafft.

Als Ausflugsziel haben wir uns eine Festungsanlage in Bitche, nahe der deutsch-französischen Grenze, auserkoren, die Zitadelle von Bitche in Lothringen. Auf der Vogesen-Tour letztes Jahr in September sind wir an der beeindruckenden Festung vorbeigefahren, doch aufgrund des straffen Zeitplanes damals war eine Besichtigung nicht möglich. Doch der Ort blieb uns im Hinterkopf, und ich hatte mir eh vorgenommen, die grenznahen Regionen Frankreichs mit dem Motorrad zu erkunden.

Also gut. Wir stehen nicht allzu früh auf und machen uns fertig, und ich hole Brötchen. Das war der Deal.

Voller Vorfreude schlafe ich später ein.

Mit leichtem Herzen und kribbelndem Bauch fahren wir also in Richtung Pfalz. Unsere Route führt uns über die A65 bis nach Landau-Süd. Dann weiter über die B38 nach Billigheim-Ingenheim um dann über die Schluchten des Pfälzer Waldes (Klingenmünster / Münchweiler) zur B427.
In Dahn halten wir an einem Eiscafé und genehmigen uns Eisbecher. Auch viele andere Biker sind heute unterwegs und da das Eiscafé direkt an der Hauptstraße liegt , schauen wir interessiert, was für Fabrikate da an uns vorbei rollen.

Die weitere Strecke verläuft weitestgehend durch Wälder und eine gebirgige Landschaft. Die Straße wird enger, kurviger und wir passieren viele Serpentinkurven. Links und rechts von uns glitzern in der Sonne kleine Seen und Fischteiche wie funkelnde Strasssteine zwischen dem dunklen Grün der Bäume. Hier und da sieht man einen Bach sich parallel entlang der Straße schlängeln. Wie gerne hätte ich an einem der Teiche angehalten, doch es gibt lange Zeit über nirgendwo die Möglichkeit dazu. So bleibt mir nichts anderes übrig als sehnsüchtige Blicke nach links und rechts zu werfen.

Die Strecke, die wir fahren (Fischbachtal), wird zunehmend anspruchsvoller und etliche Biker überholen uns, die geübter und schneller sind als wir. Ich sehe bewundernd hinterher, wie sie grazil wie Gazellen mit ihren Maschinen die Piste hinunter jagen. Bei manchen sieht das dermaßen harmonisch und synchron aus, wie sie sich mit dem Kurvenwinkel neigen, dass es fast schon wirke wie ein Tanz. Doch das Fahren mit Sozius ist anders; ich weiß, ich stelle in Kurven ein Gegengewicht dar.

Die Kurven sind eng und ich merke an Stefans nervösen Reaktionen, dass er Schweißausbrüche hat. Ich weiß, dass er Ausschau hält nach einer Anhaltemöglichkeit und als sich uns nach langer Zeit endlich wieder eine bietet, fährt er sofort rechts ran. Es ist eine kleine Anhaltebucht, mit Schotter ausgekleidet, die in einem Waldweg mündet. Eine Karte zeigt an, wo wir uns gerade befinden. Wir steigen ab und ich hatte Recht: sobald die Helme ab und aufgehängt sind, sagt Stefan: „Puh, das war aber eine Strecke! Ich hatte so langsam genug davon.“

Wir essen unsere belegten Brötchen und trinken Capri Sonne. Ich merke, wie die frische Waldluft einen unerwarteten Appetit in mir weckt.

Der weitere Verlauf der Strecke erweist sich als einfacher; wir kommen auf eine größere Bundesstraße und fahren nun vorwiegend entweder geradeaus oder langgezogene Kurven. Auch die Landschaft beginnt, sich zu verändern: die Wälder weichen Wiesen und sanften Hügeln, kleine, pittoreske Ortschaften wechseln sich ab mit schönen Obstgärten, auf deren blühenden Bäumen Eichhörnchen turnen.Wir befinden uns in Lemberg. Die Grenze passieren wir bei Schweix. Nach und nach nehmen die Häuser das typische Aussehen der Elsässer Gegend an, inklusive den obligatorischen Storchennestern, die wahlweise auf Strommasten oder auch auf Hausdächern zu sehen sind.

Gegen drei Uhr nachmittags erreichen wir Bitche. Die Zitadelle ist anscheinend gut besucht; Besucher kommen mit dem Auto, doch auch andere Biker und Motorradgruppen füllen den Parkplatz am Fuße der Anlage. Es ist ein Kommen und Gehen.

Spaziergänger kommen an uns vorbei. Ab und zu fällt ein Schatten auf unsere schlafenden Gesichter. Etwas weiter weg hören wir immer wieder hysterisches Kichern und das Lachen alter Weiber; Lautsprecher und Plakate kündigen eine Hexenveranstaltung an, die hier demnächst stattfinden soll.

Die Festung selbst ist imposant. Dicke, hohe Mauern und tiefe Gräber umgeben sie und die schiere Größe des ganzen ist beeindruckend. Die Zitadelle ist heute ein Meisterwerk der militärischen Technik. Efeuranken klettern bis zu den schmalen Schießluken hoch oben in der Mauer. Der Berg bietet eine wunderbare Aussicht auf die umliegende Stadt. Jetzt ist alles frei zugänglich und voller Menschen, doch ich stelle mir vor, wie diese Festung ihrerzeit uneinnehmbar war. Auf der linken Seite, vom Tor aus gesehen, sieht man Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs; die beeindruckende, mehrere Meter dicke Mauer ist teilweise eingestürzt.

Wir gehen den Wall entlang, der sich um die Anlage herum zieht. Doch schon bei der ersten Bank hält Stefan an. „Magst du einen Red Bull trinken?“ Unser Tankrucksack beinhaltet alles, was man so brauchen kann, Stärkungen inklusive. Wir setzen uns in der Sonne hin und trinken, Stefan raucht. Dann machen wir ein paar Selvies und einige Bilder von uns gegenseitig. Irgendwann räumen wir die Bank, legen uns dahinter ins Gras und schlafen ein.

Irgendwann werde ich wach. Mir ist ungemütlich kalt. Vorsichtig nehme ich meine Hand aus Stefans Hand, der sie im Schlaf immer noch festhält. Da mein Herr seit nunmehr zwanzig Minuten immer noch tief und fest schläft, überlege ich, was ich machen soll. Wir wollten gemeinsam die Zitadelle umrunden, doch irgendwas sagt mir, dass er nach dem ausgiebigen Nickerchen keine Lust mehr dazu haben wird. Ich könnte ja schon mal loslaufen, um hier nicht untätig herumzusitzen. Ich bin neugierig, wie das alles hier im ganzen aussieht. Stefan würde sich denken, sollte er in der Zwischenzeit aufwachen, dass ich schon vorangegangen bin. Entweder er wartet dann hier auf mich oder er wird mir folgen.

So gehe ich los, fotografiere den tollen Ausblick auf eine Kirche und die Stadt zu meinen Füßen, und immer wieder das Gemäuer vor mir. Immer mal wieder schaue ich zurück, ob ich nicht in weiter Ferne einen verschlafenen Stefan angewackelt kommen sehe. Doch es snd nur die anderen Touristen, die wackeln.

Irgendwann laufe ich schneller, denn ich stelle schon bald fest, dass die Umrundung der Zitadelle, die an sich schon eine riesige Fläche einnimmt, mehr Zeit in Anspruch nehmen wird als gedacht. Die schweren Stiefel und die Motorradjacke sind auch nicht unbedingt für’s Wandern geeignet und die Wärme der Sonne tut ihr übriges.

Verschwitzt und ein wenig außer Atem (neeein, es liegt nicht an den Zigarren… 😉 ) komme ich nach ca. 20 min wieder an unserer Bank an. Schon von Weitem merke ich, dass sich Stefan keinen Zentimeter von der Stelle bewegt hat; exakt in der gleichen Position liegt er ausgestreckt da und döst vor sich hin. Als ich näher komme, öffnet er die Augen.

„Na, mein Schatz?“ Frage ich. „Wollen wir nicht einmal um die Anlage laufen?“

„Nein…“ Er gähnt und reibt sich verschlafen die Augen. „Ich glaube nicht.“ Ach, hatte ich da nicht im Vorfeld schon so eine Vorahnung…? 🙂 Nun, mir soll es recht sein, denn ich hatte alles gesehen, was ich sehen wollte.

Innerhalb der Festungsmauern auf dem mit Steinen gepflasterten Hof findet eine mittelalterliche Aufführung statt. Wir sehen eine Weile von Weitem zu. Manche Besucher lachen, viele haben ihre Kinder dabei. Doch da sowohl Stefan wie auch ich mit französisch auf Kriegsfuß stehen, entfernen wir uns schon bald und machen uns auf den Weg nach Hause.

Zurück fahren wir über die französischen Nationalstraßen D35 / D3 bis nach Wissembourg. Obwohl wir uns beeilen, schaffen wir es leider nicht, vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause zu sein.

Am Deutschen Weintor steigen wir einmal ab und machen es uns in einem Restaurant gemütlich. Ich bestelle mir meinen Elsäßer-Traumflammkuchen 🙂

Die weitere Fahrt über die Autobahn empfinde ich als anstrengend. Nach so vielen Stunden auf dem Motorrad mache sich mein Rücken bemerkbar und meine Zehen schlafen immer wieder ein. Als Sozia zu fahren ist doch etwas ganz anderes…

Komplett erledigt, noch mit einem Dröhnen im Kopf, stolpere ich durch die Tür und schmeiße mich auf die Couch. Während ich noch höre, wie Stefan den Fernseher einschaltet, schlafe ich einen Augenblick später ein.

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